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„Unter allen Spirituosen steht Gin den Gewürzen am nächsten“, meint Gerald Koenen, Geschäftsführer der vielfach ausgezeichneten Rheinland Distillers. „Sie geben ihm Kraft und Power.“ Und dazu braucht es – Überraschung – noch nicht einmal Alkohol. In den letzten Jahren entwickelten Destillerien und Weingüter, Bartender und Sommeliers völlig neue, alkoholfreie Drinks, in denen Naturdestillate, Extrakte und Kräuterauszüge für den Geschmack sorgen.

„Immer mehr Menschen trinken immer weniger“, bringt es Nicole Klauß in ihrem Grundlagenwerk „Alkoholfrei“ (AT-Verlag) auf den Punkt. Experimentierfreudig kombiniert sie Rote-Bete-Shrubs mit Pfeffer und Koriander, Granatapfelsaft mit Lorbeertee, Kombucha mit Basilikum und bringt sie allesamt in den fein geschliffenen Tumbler. In ihrem Buch blickt die ausgebildete Sommelière ziemlich weit über den Weinglasrand hinaus, als wären Switchel, Oxymel und Proxy die normalsten Sober-Drinks dieser Welt. Das sind sie freilich nicht. Aber wenn man sich mit Jörg Geiger, einem Pionier der Alkoholfrei-Szene, unterhält, dann könnte das eines Tages so kommen. Dem gelernten Koch, der einst am Rande der Schwäbischen Alb einen Gasthof betrieb, vermisste schon vor über 20 Jahren eine alkoholfreie Alternative für seine Gäste. „Wer bei einem Empfang nicht zum Sektglas griff, dem blieb nur Orangensaft“, erinnert sich der 55-Jährige. Das wollte er ändern und fand die Lösung vor der eigenen Haustür: Streuobstwiesen mit alten Apfel- und Birnensorten. „Das Wiesenobst bringt uns Säure und Gerbstoffe, zwei Füße, auf denen man auch ohne Alkohol stehen kann“, erklärt er. 

Auf ihrer Basis entwickelt der erfindungsreiche Schwabe seit 2003 Schaumweine, Cider, Weine und „PriSeccos“, allesamt alkoholfreie Eigenkreationen, für die die Manufaktur Jörg Geiger weithin bekannt ist. Jede einzelne Flasche beinhaltet ein Gesamtkunstwerk aus 20 bis 70 Komponenten, die „Spaß im Glas und in der Nase machen“. 200 Gewürze, 70 Kräuter und 20 Blüten gehören insgesamt in Geigers Experimentierkasten. Denn „Ingwer und Chili bedienen“, wie er verrät, „dieselben Geschmacksrezeptoren wie Alkohol, sie sorgen für Nachdruck. Wermut dagegen verleiht Bitternoten, roter Senf Schärfe und Zitronenverbene mag ich als frischen Gegenspieler, etwa zur Opulenz von Zwetschgen.“ Geigers Manufaktur hat auch klassische Destillate wie hochprozentige Obstbrände im Programm, den Hauptumsatz – 85 Prozent – macht er aber mit seiner alkoholfreien Produktpalette. „Für mich war diese Entwicklung eigentlich klar“, meint der Hotelbetriebswirt rückblickend, „sie entspricht einfach dem neuen Körper- und Gesundheitsbewusstsein“. Ein benebelter Geist und ein verkaterter Sonntag verstehen sich eben nur bedingt mit „bewusstem“ Lebensstil. Wer auf gesunde Ernährung, Bewegung und achtsame Work-Life-Balance Wert legt, der mag sich nicht betrinken, nur weil er ein paar gute Drinks genießt. „Die Gesellschaft wandelt sich.“

Das bescheinigt auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Auch wenn Presseberichte über jugendliche Rauschtrinker immer wieder die Runde machen, scheint die Generation Z den Alkoholkonsum, so eine Analyse der Bundeszentrale, auf historisch niedrigen Stand zu drücken: Beeindruckende 38,1 Prozent der 18- bis 25-Jährigen haben noch nie Alkohol konsumiert. Darin beziffert sich ein Trend, in dem auch der vielfach ausgezeichnete Siegfried-Gin segelt: 2018 bekam er mit dem „Wonderleaf“ einen Bruder, der auf Promille verzichtet. Wonderleaf gilt als erster alkoholfreie „Gin“ Deutschlands. Wobei man formal vorsichtig sein muss: Die Bezeichnungen Gin, Wein oder auch Sekt bedürfen des Alkohols per definitionem – und den haben ihre abstinenten Geschwister nun mal nicht. Allen Namensfindungsproblemen zum Trotz: „In unseren alkoholfreien Destillaten liegt das Geschäft der Zukunft“, da ist sich Gerald Koenen, einer der beiden Siegfried-Väter und Geschäftsführer der Rheinland Distillers, sicher. Rund 80 Prozent seines Absatzes machen sie bereits aus. „Wobei die Alkoholfreien das Original nicht kopieren wollen, sie sind nur wie Gin zu benutzen: Ich kann sie ganz klassisch, eins zu drei, mit einem Tonic mischen“, erklärt der Rheinländer. „Meiner Meinung nach sind überhaupt alle Non-Alcoholics-Spirits für Longdrinks oder Cocktails gemacht.“ 

Koenen selbst offenbart sich als typischer Flexitrinker, der gerne mit einem Original startet und im Laufe des Abends zu einem alkoholfreien Pendant wechselt. Damit sieht sich der 46-Jährige ganz im Zeitgeist. „Man betrinkt sich insgesamt weniger: Weniger an einem Abend und weniger in der Woche.“ Auch wenn sich für viele Verbraucher immer noch im Alkohol der Wert eines Getränks ausdrücke, ginge es gerade beim Gin um viel mehr: um seine Botanicals, seine geschmacksgebenden Inhaltsstoffe. „Beim Gin sind das klassischerweise Wacholder, Zitronenschale, Angelikawurzel und Koriandersamen“, zählt Koenen auf. In seinem Falle kommt die Lindenblüte „als Signature Botanical“ hinzu, aber auch Kräuter und Gewürze, etwa Piment, Bockshornklee, Tonkabohne oder Muskat. Naturextrakte, die sein Unternehmen über Destillation mit Wasserdampf oder Alkohol gewinnt. Letzterer befindet sich in geringen Mengen auch in den Non-Alcoholics, die nach hiesigem Lebensmittelrecht als solche gelten, solange ihr Alkoholgehalt unter 0,5 Volumenprozent liegt.

 

Text: Kerstin Rubel. Publikation: Gewürz- und Kulinarikmagazin „pfeffer“ (01/2024). Herausgeber: Fachverband der Gewürzindustrie. Bildnachweis: Unsplash (Sara Cervera)